Bevor ich es vergesse …

Vergangenen Donnerstag traf sich inzwischen zum vierten Mal der analoge Salon zu digitalen Themen der Initiative I-15 in Hamburg. Diesmal waren es siebzehn mehr oder weniger zusammengewürfelte Menschen, die sich über die digitale Welt und deren gesellschaftlichen Wirkungen austauschten.

Das „Erinnern und Vergessen in Zeiten des Internet“ war an diesem Abend der Ausgangspunkt der individuellen Statements, die in drei Minuten die eigene Motivation, die gesellschaftliche Konsequenz und idealer Weise auch mögliche Ideen für Handlungen darlegen sollten.

Auch wenn sich (vorhersehbar) kaum eine oder einer an die drei Minuten hält und ich den Eindruck habe, dass die vorbereiteten Skripte von mal zu mal umfangreicher werden (Ich plädiere für den kommenden Salon bereits an dieser Stelle, dass maximal eine DIN A4 Seite mitgebracht werden darf ;)  – sowohl der thematische Fokus als auch das erwünschte Statement und die höchst individuellen Aus- und Überlegungen sind das, was neben den anschließenden Debatten und Gesprächen diese Abende für mich so inspirierend machen.

Das ist mir durch den Kopf gegangen: Ray Bradburys Fahrenheit 451, die Schlußszenen in denen Bücher von den Dissidenten gegen das Vergessen komplett auswendig gelernt werden - bevor die Bände verbrannt werden. (Filmausschnitt nach dem Klick aufs Bild)

Meine eigenen Gedanken gingen von der Langen Nacht des Erinnerns und Vergessens auf DeutschlandRadioKultur aus. „Wie wir uns erfinden“ – sehr schnell ist klar, dass jede Identität immer aufs Neue konstruiert wird – mittels immer unterschiedlicher Erinnerungen und verschiedenen Variationen des Vergessens. Identität ist Stückwerk.

Was auf besondere Weise in dieser für mich dritten Vorstellungsrunde schon vor meinem kurzen Beitrag bewiesen wurde: Einige der anderen Gäste stellten sich mir das zweite oder dritte Mal vor – und das mit komplett anderen Inhalten und Schwerpunkten als bei den bisherigen Treffen.
Très charmant: Bricolage//Wir basteln uns einen Eindruck.

Auch ohne Erwähnung an dem Abend eine meiner Erinnerungen zur dort angesprochenen Manipulierbarkeit der Vergangenheit: Die perfekten künstlichen Erinnerungen Tyrells Replikanten in Philip K. Dicks Blade Runner. (Filmausschnitt nach dem Klick aufs Bild)

Doch genau eine Woche vor dem I-15-Salon wurde das FAZ-Blog Kontrollverlust von @mspr0 // Michael Seemann vom öffentlich zugänglichen Netz genommen.

Auch @mspr0 hatte etwas vergessen:

Die korrekte Anwendung der CreativCommons-Lizenz von Bildern, die er in seinem letzten Beitrag benutzt hat. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht auf den andernorts ausführlich dokumentierten Verlauf der Eskalation der Ereignisse eingehen. Mir geht es darum, dass ich wenige Tage davor angefangen hatte, Frank Schirrmachers „Payback“ zu lesen. Der Kontrollverlust  – und vor allem die Angst davor – ist ein zentraler Begriff bei Schirrmacher – weshalb ich es damals als sehr cleveren Schachzug ansah, dass Frank Schirrmacher, als FAZ-Herausgeber, ausgerechnet mspr0 als FAZ-Blogger angeworben hat, dessen Weltbild und Lebensgefühl dem von Schirrmacher so komplett diametral gegenüberliegen.

Gleichzeitig also der theoretische Teil zum Kontrollverlust in Payback, indem eindringlich vor der Auslagerung allen menschlichen Wissens in die Welt der Maschinen und „ins Internet“ gewarnt wird. Trotz aller sicherlich auch vorhandenen Schwächen des Buches:
Die von Schirrmacher aufgezeigten Zusammenhänge zum Thema Erinnerungsvermögen und Gedächtnisverlust ließen mich nicht gänzlich unbeeindruckt. Seinen Ansatz, Fakten nicht als Gesetze anzuerkennen und stattdessen neue Hypothesen zu entwickeln und diesen Perspektivwechsel durch kritisches Hinterfragen als eine Lösung anzubieten sogar sympathisch – wenn auch von fragwürdiger Durchschlagskraft, um die von ihm so eindringlich beschriebene „Ich-Erschöpfung“ aufzuhalten.

Es wird nur helfen, sich damit abzufinden, dass es kein Ende und endgültige Sicherheit gibt, was das Wissen angeht. Es wird immer etwas fehlen. Gelegentlich ist man zur richtigen Zeit am richtigen Ort, das andere Mal eben nicht.
Es gibt keine Sicherheit „alles zu wissen“.
Im Internet schon gar nicht.

Mir wäre ein Perspektivwechsel ohne Angst vor Kontrollverlust wichtig – und das aktive Erinnern als Kulturtechnik nicht zu verlieren.

Eine der Fragen, die auch im I-15 Salon nicht abschließend geklärt werden konnten.

Ich danke allen Beteiligten für den sehr lebendigen und offenen Austausch.

Interessierte für den 2. Berliner Salon am 14. Juli 2010 über die “Neudefinition von Privatheit und Öffentlichkeit” können sich an Moritz Avenarius wenden.

5 Antworten zu “Bevor ich es vergesse …

  1. kormoranflug

    Ja, Netzalzheimer in schon jungen Jahren kann schrecklich sein.

  2. Entspricht digitaler Demenz.
    Soll aber auch bei so mittelalten Fällen schon beobachtet worden sein.
    Habe ich gehört.

  3. kormoranflug

    Andere können sich schon nicht mehr an den „Blog “ erinnern. Twittern macht den Gehirnarbeitsspeicher auch sehr klein.

  4. Einspruch! Ich twittere über (mindestens) drei Accounts. Alleine dabei nicht durcheinander zu kommen, erweitert die Hirnkapazitäten zwangsläufig… :)

  5. kormoranflug

    DREI accounts gleichzeitig twittern das können nur Frauen!

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