Blechens Lichtblick im Wintertunnel

Dieser Winter, der kein Ende findet und uns heute erneut mit Schnee versorgte, nervt. Mich. Als Radfahrerin, die sich bei den Straßenverhältnissen, die zur Zeit in Hamburg herrschen, nur ungern auf’s Fahrrad traut. Wo ich sonst von kühler Unerschrockenheit geprägt bin, was Hamburgs Radwege angeht. Dieses unkontrollierbare Schlittern auf vereisten Spurrillen und unsichtbaren Buckelpisten jedoch, zwischen gefrorenem Schneematsch und Neuschnee oder das Ausweichen auf Straßen, auf denen die  Autos unvorhersehbar herumrutschen, erscheint nur Nahtoderfahrungssuchenden eine gute Wahl zu sein.

Ein Ausflug in die Hamburger Kunsthalle, am letzten Tag der Ausstellung von Carl Blechens Amalfi-Skizzenbuch, war eine perfekte Wahl, um meine Laune aufzuhellen. Die Skizzen entstanden in acht Tagen, die Blechen 1829 während seiner Italien-Reise in Amalfi verbrachte.

Gemälde, klassische wie moderne, sehe ich mir schon sehr gerne an. Aber im Normalfall mache ich einen weiten Bogen um Skizzenbücher und -Blätter des 19. Jahrhunderts. Das hat für mich vielleicht unter Forschungsaspekten einen nachvollziehbaren Reiz, langweilt mich als Besucherin aber normaler Weise bis hin zum Wachkoma.

„Mit Licht gezeichnet“ ist der Titel der Ausstellung. Mich hat vor allem fasziniert, dass die Hitze, die Sonne, die Atmosphäre auf seinen Bildern so sehr gut eingefangen sind, obwohl er fast ausschließlich  Sepia benutzt hat, also quasi mit dem Effekt von (bräunlichen) Schwarz-Weiß-Fotos arbeitet. Um den Kontrast von Licht und Schatten herauszuarbeiten und zu betonen – eine gute Wahl. Es gibt nur verschiedene Abtönungen von Dunkel und Hell, so gut wie keine anderen Farben. Seine Bilder wirken dadurch für den Anfang des 19. Jahrhunderts unglaublich abstrakt. Ihn deshalb als „den“ Begründer der Moderne auszurufen, wie es ein Ausstellungstext tut, mag da ein wenig übereuphorisch sein, William Turner und Caspar David Friedrich spielen da sicher auch eine Rolle…

Ich war noch nicht in Amalfi. Aber jeder, der auf Sommerreisen einmal Italien außerhalb der Großstädte besucht hat, wird etwas davon in den 66 Bleistift-, Feder- und Pinselzeichnungen wiederfinden. Blechens Blätter weckten meine Erinnerung an flirrende Sommerluft und Heuschreckenzirpen.

Das war ein kleiner Trost in kalten, nassen, rutschigen Zeiten. Jetzt hilft nur noch der Zuspruch Tomte Tummetots, der Winternacht für Winternacht Geduld anmahnt, da der Frühling so weit nun nicht mehr entfernt sei.

Die Amalfi-Skizzenbücher Carl Blechens werden im Anschluß an die Hamburger Ausstellung vom 29. Januar bis zum 11. April 2010 in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu sehen sein.

Einen eigenen Eintrag wären die anderen Besucher wert. Eines Tages…

6 Antworten zu “Blechens Lichtblick im Wintertunnel

  1. Klingt fein, ist ja aber nun leider vorbei. Aber vielleicht komme ich in Berlin nochmal in den Genuss.

    Freue mich schon auf den bald erscheinenden Text über die Besucher einer Ausstellung.

    Hierzu siehe auch Schnitzels Fotoserie:
    http://happyschnitzel.wordpress.com/2010/01/10/cause-without-you-things-go-hazy/

  2. Danke für den Hinweis auf die Ausstellung in Berlin, da muss ich hin!

  3. @Bosch Ich werde ja ganz gerne so subtil unter Druck gesetzt… „mach es zu Deinem Projekt“ oder wie war das? Happy Schnitzels Fotos kannte ich schon – eine sehr schöne Reihe.

    Es war Zufall, dass wir am letzten Tag in die Ausstellung gerieten, wir wollten eigentlich nur die Romantiker in der Kunsthalle mal wieder besuchen.

    @Vilmos Berlin hat ja sehr viel mehr große Formate von Carl Blechen als Hamburg. Die in Kombination mit den Skizzen besucht, ist die Ausstellung in Berlin, auch wenn es nur so ein kleiner Aspekt ist, bestimmt sehenswert.

  4. Dann muss ich mich gar nicht ärgern, dass ich die in Hamburg nicht gesehen habe.

  5. Find ich auch, dass Turner Meilen weiter ist in der Abstraktion. Ich gebe zu, dass ich Blechen bisher nicht kannte, aber was ich gerade auf Wikipedia an Gemälden von ihm gesehen habe, das ist ja teilweise schon hart an der Grenze zum Kitsch. Da gefällt mir das Sepiablatt viel besser. In der Zeichnung lässt sich halt so leicht kein Kitsch produzieren, deshalb liebe ich Skizzenbücher.

  6. Ach, und Kixka,falls du dich wunderst: ich bin über die WordPress Übersicht auf dein Blog gekommen, und bei Artikeln überKunst, die ja so selten auf Blogs sind, muss ich immer ein bisschen Senf abgeben.

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