Qual(l)ifiziert: Hotel „The George“

Gibt es einen Fachausdruck dafür, dass man etwas in Kauf nimmt, das einem nicht gefällt, wenn gleichzeitig etwas geboten wird, das einem sonst entgeht ?

Das Hamburger Hotel “The George” ist für mich so ein Fall.

Es liegt am Ende der Langen Reihe, einem tristen Ort, kurz vor einer vierspurigen Autobahnzubringerkreuzung. Alsternah, aber mit Blick auf das Krankenhaus St. Georg. Und auf die Straße, vor dem Krankenhaus. Kein sehr belebender Anblick, besonders vom Restaurant aus. Vermutlich ist der Abend besser zum Ausblenden des Umfeldes geeignet.

Eine Einladung zum Frühstück hat mich jetzt herausfinden lassen, warum sich der Besuch des “The George” trotzdem lohnt.

Quallen.

Sie gehören zu den Dingen, für die ich ein Faible habe.

Für mich zählt es in die Kategorie Extrem-Relaxen, wenn ich vor einem geheimnisvoll ausgeleuchteten Aquarium stehe und den Quallen bei ihrer skurril-eleganten Fortbewegung zusehen kann. Das futuristisch illuminierte Quallenbabyaufzuchtbassin im Berliner Aquarium war lange einer meiner Lieblingsorte.

Das George ist ein Design-Hotel und auch in den Salon der Nautilus von Kapitän Nemo hätten diese unglaublichen Quallen-Lichtobjekte hervorragend gepasst. Die Innendesignerin des Hotels arbeitete sehr eng mit Thái Công Quách bei der Ausstattung des Hotels zusammen. In dessen mittlerweile vier oder fünf Konzept-Stores im Eppendorfer Weg 161-167 hatte ich bereits ein Auge auf die Quallen-Lampe geworfen.

Thái Côngs Einrichtungstil lässt sich als sehr NY-Upper-East-Side-Style  mit Schlenkern in die Hamptons beschreiben. Vielleicht ein wenig so, wie es bei den Kennedys privat ausgesehen haben mag. Sehr geschmackvoll, ein Stil, der seinen Preis hat. Für die Wandlampe sind ca. 1.000,- €, die Deckenlampe 1.500,-€ und für das Stehlampenmodell ca. 2.000,-€  zu kalkulieren.

Vermutlich auch aus diesem Grund ist die Erfindung von Design-Hotels durchaus eine sinnvolle, selbst wenn sie – wie im Fall des George  – in einem unvorteilhaften Umfeld liegen. Gleich vier dieser Design-Lichtobjekte gereiht an einer Wand betrachten zu können, hat mein verstecktes Styler-Herz deutlich höher schlagen lassen. Meine Begleitung teilte meine Euphorie nur bedingt, ließ aber schon ein anerkennendes Pfeiffen über seine Lippen tönen, nachdem wir die Clubräume und die Bibliothek in Augenschein genommen haben. Sehr schick. Morgens früh um 10.00 Uhr vollständig leer, aber durchaus vorstellbar, dass sich Menschen dort niederlassen.

Das Frühstück selbst im DaCaio ist für ein Hotel dieser Preisklasse nicht wirklich der Rede wert.

Momentan sehr en vogue wurden die ersten Brötchen, drei winzige Marmeladentöpfchen und dreierlei Zuckersorten auf einer Etagère gereicht, doch wer weder Orangen- noch Kirschmarmelade besonders mag, muss auf den Honig ausweichen. Das ist mir als Süß-Frühstückerin zu wenig.

Cerealienfreunde werden in der reichhaltigen Auswahl an Flocken und Körnern unterschiedlicher Konsistenz sicher etwas Passendes finden können, mir selbst erschienen die angebotenen Käse- und Wurstscheiben zu vorhersehbar, zu übersichtlich und zu wenig überraschend. Da hätte ich von einer Küche mit diesem Anspruch Originelleres erwartet. Das Essen war in Ordnung, aber leider absolut unspektakulär, das Besondere fehlte mir und wirkte deshalb in diesem übertheatralischem Interieur noch nicht so recht angemessen.

Also: Lieber in die Bibliothek wechseln, Espresso trinken und das Interieur geniessen.

Und, weil es leider noch so selten zu finden ist: Ein Hinweis auf das vorhandene offene Wi-Fi. Perfekt an diesem Ort nicht unbedingt für die digitale Bohème, aber im Fall des Falles durchaus sehr willkommen

6 Antworten zu “Qual(l)ifiziert: Hotel „The George“

  1. Meine lieben Qype-Freunde und Freundinnen kommentieren dort.

  2. Die Quallen waren mir auch sofort aufgefallen… Mir gefallen sie.

  3. Es gibt gleich 2 Worte für die Kombination von den Sachen, die Du beschreibst und die mir dazu einfallen.
    Fachwort für Abwägen zwischen 2 (Kauf-)Entscheidungen (aus der BWL) und was es einen „kostet“ auf etwas zu verzichten, wenn man etwas anderes haben kann: trade-off.
    Auch wieder „Kosten“ für etwas, das einem entgeht, wenn man etwas anderes macht: Opportunitätskosten.
    Zu den Quallen: Dann gefällt Dir bestimmt auch der Film „Sieben Leben“ mit Will Smith. Da kommt einer Würfelqualle eine tragende Rolle zu.

  4. @Allesmögliche,
    vielen Dank für Deinen Aufklärungsversuch.
    Vielleicht tatsächlich eine Idee zu BWlerig :)

    Ich suchte nach einem motivations-psychologischem Ausdruck, den es mit ziemlicher Sicherheit auch gibt, irgendwo da draußen …

  5. Das hätte ich früher wissen (und sehen und lesen) sollen !!!

    Für eine Nacht in diesem Hotel hätte ich bei meinem Workshop in HH sogar meine Abneigung gegen (echte) Quallen überwinden können.

    Wird nachgeholt, ganz sicher…

  6. Pingback: The George Hotel, Edinburgh | All About Travel and Vacations

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