Singing in a Box // Candice Breitz

Eingang der Temporären Kunsthalle Berlin

Der Kultur-Redaktion des SPIEGELS ist es zum Glück nicht gelungen, mich vom Besuch der Temporären Kunsthalle in Berlin abzuhalten: sollen doch die drei Videoinstallationen „Inner+Outer Space“ von Candice Breitz bereits „schon in Mailand, Oldenburg und Hannover und sogar in London zu sehen gewesen“ sein.*

Tja. Für den globetrottenden Kunst-Jet-Set ist es natürlich schon hart, dass die Künstlerin zur Eröffnung der Temporären Kunsthalle noch nicht ihr neuestes Werk „Him“ zeigt – eine Dialog-Porträt-Videoarbeit mit 23 verschiedenen Rollen Jack Nicholsons aus vierzig Jahren.

Nicholson wird ab dem 28. November 2008 sicher auch klasse, aber ich bin in diesem Fall ganz ehrlich sehr dankbar, dass ich eher unvermutet zu einem der unterhaltsamsten Kunstgenüsse der letzten Zeit kam.Was ist zu sehen?

Von weitem eine blaue Box, Container-artig, die mich zunächst aber doch noch nicht fesselt, da die Treppenhausreste, die vom Palast der Republik als letztes noch nicht geschliffen sind, vor dem Fernsehturm für mich irritierender aussehen und meinen Blick im ersten Moment sehr viel stärker faszinieren.

Der Palast der Republik

Die Reste vom Fest: Der Palast der Republik

Doch dann hinein in die jetzt noch Himmelblaue Wolkenbox. Neben den acht Ausstellungen, die für den Innneraum für die kommenden zwei Jahre zu sehen sein werden, sind auch insgesamt vier Projekte für die Außenfassade geplant. Durch die KunstBuchhandlung Walther König hindurch, an der Kasse vorbei, geht es ins Innere, die BlueBox wird zur BlackBox.

Im Ganzen sind nur drei Arbeiten zu sehen, für die lege ich aber jedem Besucher ans Herz, sich Zeit zu nehmen. Kunst-Hoppern und Hippness-Naschern wird sich der Reiz und der Zauber von „Inner + Outer Space“ nur zu einem Bruchteil offenbaren.

Zunächst sehe ich Schwarz. Das passt schon, auch wenn einige Ausstellungsbesuchende vor lauter Dunkelheit gegen die Sitzbank laufen, auf der es sich empfiehlt, Platz zu nehmen.

Was ist die Idee ? Und wie wurde sie umgesetzt ?

Candice Breitz hat es geschafft, 25 Fans von John Lennon, 16 von Michael Jackson und 30 von Madonna zum Singen zu bringen. Und gesungen wurde jeweils einzeln(!) ein ganzes Album, das die Fans über Kopfhörer eingespielt bekamen: 39 Minuten lang „John Lennon/Plastic Ono Band“ (1970), „Thriller“ (1982) dauert 42 Minuten und „The Immaculate Collection“ (1990) ganze 73 Minuten. Harte Arbeit. In Newcastle wurde August 2006 „Working Class Hero“ (A Portrait of John Lennon), Juli 2005 in Mailand „Queen“ (A Portrait of Madonna) und in Berlin „King (A Portait of Michael Jackson) aufgezeichnet.

Die daran anschließende Arbeit der in Berlin arbeitenden Südafrikanerin bestand daran, die Einzelaufzeichnungen zu drei virtuellen Chören synchron zusammen zu stellen.

Was ist an dem Ergebnis so faszinierend ?

Die Frau hat sich vorher Gedanken gemacht, nichts dem Zufall überlassen und ihren Darstellern doch alle Freiheiten gelassen. Die drei Arbeiten weisen strukturelle Ähnlichkeiten auf, sind aber doch alle unterschiedlich und sehr eigen. Die gelungene Komposition der Einzelaufnahmen zu Chören, die sich in einem stimmigen Gesamtbild wiederfinden, entfaltet Momente unerwartet positiver Energie und Schönheit. Das neu geschaffene Ganze ist auf beeindruckende und unterhaltsame Weise mehr als die die Summe der Einzelstimmen.

bb courtesy of Studio Candice Breitz
Working Class Hero (A Portrait of John Lennon), 2006
Shot at Culture Lab, Newcastle University, United Kingdom, July 2005 – 25-Channel Installation: 25 Hard Drives Duration: 39 minutes, 55 seconds – Installation View: Bawag Foundation, Vienna – Courtesy: Jay Jopling / White Cube – Photograph: Wolfgang Wössner – Ed. 6. + A.P.

Die 25 John Lennon Fans hängen als riesige Video-Portraits gereiht im Inneren der Temporären Kunsthalle, die Video-Monitore leuchten im Dunkeln. Zum allergrößten Teil singen Männer, gegerbte Gesichter, wenige Junge, viele markige Ältere. Forschend direkte Blicke in die Kamera, aber auch konzentriert verinnerlichte Gesichter. Das Lennon-Album kannte ich gar nicht, trotzdem gab es bereits bei dieser ersten Installation Momente, in denen die synchronen Stimmen eine Intensität erreichten, die fast so ergreifend wie transzendierende Choräle in einer Kirche waren.

Nach zwanzig Minuten wurde ich aber neugierig, wo ich die Bilder zu den anderen Stimmen finden konnte, die im Hintergrund zu hören waren. Als Box in der Box sind für die Installationen King und Queen zwei weitere Räume eingerichtet. Diese Fans singen zwei Millionenseller der Popgeschichte, Alben, die sich ins kollektive Ohr und Gedächtnis gegraben haben, ob man will oder nicht. Ubiquitär in jedem H+M und in sämtlichen Radios dieser Welt „mit dem Besten aus den 80er und 90er zu hören. Deshalb ist es kein Wunder, dass – obwohl keine einziger Instrumentalklang zu hören ist, diese Lücke in meinem Ohr und Kopf nach einer Weile automatisch ergänzt wird.

Stills from "King" (A Portrait of Michael Jackson), 2005
Stills from „King“ (A Portrait of Michael Jackson), 2005
Shot at UFO Studios, Berlin, Germany, July 2005 – 16-Channel Installation: 16 Hard Drives Duration: 42 minutes, 20 seconds – Ed. 6. + A.P.

Die 16 Fans von Michael Jackson sind nahezu als Ganzkörperportraits nebeneinander gereiht, was wegen seiner sehr spezifischen Jacko-Choreografie und Körpersprache, z.B. dem Moonwalk auch sinnvoll ist. Sehr spannend ist es zu beobachten, wie unterschiedlich diese 16 Menschen – eine sehr berlinesque Zusammenstellung – das Album interpretieren.

42 minutes, 20 seconds De. 6. + AP
Stills from „King“ (A Portrait of Michael Jackson), 2005
Shot at UFO Studios, Berlin, Germany, July 2005 – 16-Channel Installation: 16 Hard Drives Duration: 42 minutes, 20 seconds Ed. 6. + A.P.

Zum Teil sind sie mit einem hochgradig differenziertem Bewegungsrepertoire ausgestattet, von Breitz am liebsten neben zurückhaltend-passiven Sängern positioniert, was die Darstellungs-Bandbreite umso deutlicher werden lässt. Die eher jungen Darsteller sind zum Teil sehr zeigefreudig, eine Bauchtänzerin flirtet auch in jeder Pause zwischen zwei Songs tänzelnd mit der Kamera. Hier wird gepost, zititiert, variiert. Michaels Hut, der Handschuh, die Gesten. Die Kamera hält durchgehend drauf, so dass auch die Momente ironischer Selbstdistanz, („Mein Gott, was mach‘ ich hier eigentlich?“) der Erschöpfung und kurze Trinkpausen mit aufgezeichnet werden.

Jeder ist auf seine Weise sehr engagiert und die Begeisterung überträgt sich aufs Publikum. Die Fans singen sich warm, steigern sich ihrer Inbrunst und sorgen für gute Laune bei den Zuschauern. Die Hingabe und der Enthusiasmus der Interpreten sind einfach umwerfend. Nach einer Weile kristallisieren sich Favoriten heraus, Außenseiter werden zu Lieblingen, einen kleinen Moment fühle ich mich wie bei DSDS.

Faszinierend bleibt aber das Ganze, die Augen wandern von Monitor zu Monitor, alle drei Installationen sind zu groß, um sie mit einem Blick zu erfassen, alle Details auf einmal aufzunehmen.

Queen (A Portrait of Madonna), 2005
Queen (A Portrait of Madonna), 2005
Shot at Jungle Sound Studio, Milan, Italy, July 2005 – 30-Channel Installation: 30 Hard Drives – Duration: 73 minutes, 30 seconds – Installation View: White Cube, London – Photograph: Stephen White – Ed. 6. + A.P.

Den Italienern gelingt es mit ihrer Interpretation des Albums von Madonna (geborene Madonna Louise Ciccone) noch einmal eine ganz eigene Stimmung zu erschaffen. Inner + Outer Space ist so auch als interkultureller Vergleich zu lesen. Die Italiener sind sehr viel stärker darum bemüht „Bella Figura“ zu machen, gebräunt, geschminkt, exaltiert – sehr nahe an der Diva orientiert. Das ganze wird immer wieder ironisch gebrochen, es wird während und zwischen den Aufnahmen viel gelacht. Bei den ernsteren, ruhigeren Songs schlägt die Stimmung von ausgelassen-heiter intensiv in fast religiöse Konzentriertheit um.

Queen (A Portrait of Madonna), 2005
Stills from Queen (A Portrait of Madonna), 2005
Shot at Jungle Sound Studio, Milan, Italy, July 2005 – 30-Channel Installation: 30 Hard Drives – Duration: 73 minutes, 30 seconds – Ed. 6 + A.P.

Der Spaß, den die Performer während der Aufzeichnung haben, ist deutlich zu spüren – Wie eine Welle trägt die geballte Kraft und Intensität der 30 Stimmen die Stimmung im Raum.

Spätfolgen

Auf der Heimfahrt nach Hamburg:

Madonna im Radio. Ich muss unwillkürlich lachen und sehe vor meinem inneren Auge statt der Queen of Pop 30 über- und nebeneinander gestapelte Bildschirme, auf denen sich 30 entzückende Italiener ihrer Leidenschaft hingeben.

Während der anschließenden Woche:

Mehrfach Ohrwurmbefall mit Billie Jean, Beat it, Holiday & Into the Groove.

Fazit:

Auf beeindruckend unterhaltsame Weise Hirnwäsche gelungen… Lächelnd und summend verlässt die Kunstfreundin die BlueBox der Temporären Kunsthalle.

Update 12.12.2008: Im STERN gibt es einen längeren Bericht von Anja Lösel zur Folgeausstellung HIM mit Jack Nicholson.

Temporäre Kunsthalle Berlin bei Nacht

Temporäre Kunsthalle Berlin
Schlossplatz, Berlin Mitte
030 – 25 76 20 40

3,-/6,- €

Öffnungszeiten:
täglich 11.00- 18.00 Uhr
Montags 11.00- 22.00 Uhr

www.kunsthalle-berlin.com


*Im Westen und auch auf der Homepage der Temporären Kunsthalle ist die Rede davon, dass zumindest Teile der Ausstellung das erste Mal in Berlin zu sehen sind.

15 Antworten zu “Singing in a Box // Candice Breitz

  1. Oh, ich glaub, da muss ich mal hin …

  2. Vor einer kleinen Ewigkeit versuchte ich, einen Beitrag über das MMK in Frankfurt und seine Szenenwechsel zu schreiben und bin grandios an meinem Anspruch gescheitert. Nichts ist schwieriger, als über moderne Kunst zu schreiben. Behaupte ich jetzt einfach mal. Dir, liebe Kixka, ist es gelungen “Inner+Outer Space” von Candice Breitz als Werk so genau und fesselnd zu beschreiben, dass es bis zu mir nach Frankfurt wie ein kleines Kernkraftwerk strahlt, als ein Werk, das dem Betrachter die Möglichkeit gibt, die Welt, in der er lebt, anders wahrzunehmen. Lust auf Candice Breitz!

  3. Ich schließe mich Haiku an.. Mit M.Jackson kann man mich nicht ködern, mit deinem Beitrag schon.

  4. Hach, Danke an Euch !

    Das mit Michael ist ja ein Teil der Faszination. Wer mich kennt, weiß, dass ich weder Madonna aus der Zeit noch Michael Jackson höre. Doch je länger ich in den Räumen saß, umso überzeugter war ich von der zeitlosen Schönheit der Songs. Unglaublich, wie die Mailänder und Berliner Interpreten das mit ihrer hingebungsvollen Darstellungsfreude hinbekommen haben…

  5. Oh – prima! Wenn ichs zeitgerecht wieder nach Berlin schaffen sollte, ist DER Programmpunkt FIX drin!

  6. Ist das jetzt schlimm, dass mir – abgesehen von der wunderbaren Berichterstattung – der klotzumstandene Fernsehturm am besten gefällt?
    Zweitschönstens das Foto vom Eingang: Das ist so gelungen, da frisst mich der Neid.

  7. Klingt außerordentlich verlockend, Kixka. Du solltest öfter solche Ausflüge machen. Einziger Ärger, daß das alles so weit weg ist …

  8. Nach den Photos zu urteilen, haben die Fans alles gegeben:).

  9. Es hat sich definitiv gelohnt, das Okay von Candice Breitz Büro für die Veröffentlichung auf Deinem Blog zu holen!

  10. Wow. Ich bin mal wieder beeindruckt. Ein toller Bericht, sehr lesenswert und unterhaltsam. Die Bilder sind natürlich super, auch der Rest vom Fest :)

  11. Dankeschön ! Ich habe mich sehr gefreut, als die ihr OK gegeben haben. Und die Post des Studios war auch inhaltlich noch so nett, dass ich zwei Tage lang halb über dem Boden schwebte :)

  12. Danke für den Bericht. Jetzt muß ich auf jedenfall nochmal vor Weihnachten nach Berlin, bisher war ich noch im wigelwogel.

  13. Danke Dir, Kixka,

    das hat noch mehr Lust auf die Temporäre gemacht… Und ich Glücklicher bin auch noch im Dezember in Berlin. Freu,freu,freu…

  14. Danke für diese tolle Rezension, die mir gleich eine Idee für das nächste Wochenende gegeben hat. Hirnwäsche auch indirekt gelungen: MUSS! DA! HIN! :D

  15. Claudia Wildner

    Hallo Kixka,

    vielen Dank für deinen tollen Bericht!
    Ich bin selber einer der Darsteller aus „King“ und kann nur sagen, dass ich selbst 3 Jahre nach dem Dreh immer noch von diesem Erlebnis zehre, mit Candice Breitz dieses Projekt gemacht zu haben.
    Ich freue mich auch, dass obwohl unser „King“ jetzt schon weit durch die Welt gereist ist, die Kritiken immer grundsätzlich positiv sind. „King“ ist ein Projekt, dass mich überdauern wird und ich bin glücklich dadurch wenigstens eine Kleinigkeit der Welt hinterlassen zu haben.

    Liebe Grüsse an alle, die dies lesen und sich selbst mal „King“ anschauen!

    Claudia Wildner

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