Music Hole – Löcher in Kixkas Erinnerung: Camille im Konzert

Ein Fund im Fotospeicher meines Telefons ließ mich einige Zeit rätseln, um das Motiv mit einem dazu passenden Moment in meinem Leben in Übereinstimmung zu bringen. Nun ist das Display meines mobilen Telefones gerade so groß wie eine bessere Briefmarke, Details fallen da zur optischen Rekonstruktion schon mal weg – es war wirklich etwas knifflig.

camille Juni 2008

Mein erster Eindruck:
Das Fünfte Element ergießt sich leuchtend Gelb in einer Scheune, so deutete ich jedenfalls die massiven Holzbalken, die gut zu erkennen sind.

Nun bin ich in den letzten Wochen weder in Scheunen gewesen, noch hatte ich Begegnungen der dritten Art. Allerdings war ich am 4. Juni in der Hamburger Fabrik. Bei Camille. Nicht zum ersten Mal. Bereits 2006 hat sie mich als Sängerin von Nouvelle Vague im Uebel & Gefährlich, mehr noch auf ihrer “Le fil”-Tournee (ebenfalls in der Fabrik), mit ihrer umwerfenden Präsenz beeindruckt.

Camille wird dieses Jahr 30, ist sowohl mit hervorragendem Musikgefühl (Komposition, Text, Stimme) als auch mit mehr als ansprechender Attraktivität ausgestattet. Wobei sie sich hier gerne sehr viel Mühe macht, auf keinen Fall so zu wirken, als ob sie diese für ihre Bühnenwirkung instrumentalisieren würde.

Auf meinem Bildchen vermutlich nicht zu erkennen: Zu Beginn des Konzertes betritt sie die Bühne in einem wallenden gelben Kapuzengewand und in strickwollenen Hüttenschuhen, gleichfalls in Gelb. Was nicht wirklich Uma-Thurman-Tarantinoesque wirkte.

Nicht, dass sie nicht auch anders könnte: Während des Konzertes zieht sie sich später zweimal um: Einmal erscheint sie in einem von vorne bis zum Hals hochgeschlossenen ärmelfreien schwarzen Abendkleid, das in der Rückenansicht allerdings bis zum unteren Ende ihres Steißbeins nichts als nackte Haut zeigt. Ein Meisterstück der Verwandlung bestand darin, auf offener Bühne aus diesem Kleid in einen Neopren-Anzug zu wechseln

Wenn auch überflüssig für das Konzert, das mir ohne diese Showeinlage (sie ließ sich zum Abschluß im Neoprenanzug auf den Händen der Konzertbesucher durch die Fabrik tragen und kletterte am anderen Ende des Raumes hoch zu den Rängen) besser gefallen hätte.

Nach zwei, drei Stücken am Anfang waren das wallende Gewand und die Strickschuhe abgelegt und sie sprang barfuß über die Bühne. Immer noch in Gelb-Orange, doch deutlich sommerlicher gekleidet.

Die englischen Songs der aktuellen CD Music Hole, die nur französische Einsprengsel enthalten, wechselten mit denen von “Le Fil” und „Le Sac des Filles“ ab. Zum Glück hat sie unverdrossen auch den Dead-Kennedys Nouvelle-Vague-Hit “Too drunk to fuck” gegeben. Wobei sie in ihrer Interpretation näher an der speedig-punkigen Urversion ist als beim weichgespülten Nouvelle-Vague-Cover. Eine Sequenz, die bei mir in diesem Konzert zu jenem Moment der Entrückung führte, der für mich eine der Hauptmotivationen ist, Konzerte zu besuchen. Mit mehreren davon innerhalb eines Konzertes zu rechnen, würde quasi bedeuten, auf multiple Orgasmen zu hoffen. Das funktioniert eher nicht. Aber einmal pro Konzert sollte es mich, wenn es geht, doch bitte so mitreißen, dass ich in der Musik bin und nicht an einem Ort. Das funktioniert mit Camille, mit Henry Rollins und Band genauso wie im Orgelkonzert in der Kirche.

Ansonsten: Großartiges Konzert – Camille gurrt und schnurrt, lallt und hallt, robbt und tobt, wechselt zum Piano und gibt ein ganz ruhiges Stück. Im Ganzen sehr vielseitig, vielschichtig und abwechslungsreich, dabei von unglaublicher stimmlicher Bandbreite. Beatbox, Bodypercussion, Loops, akustisch variierend. Von Anfang an hat sie eine Ausstrahlung, die vermittelt, dass sie sich die Fäden nicht aus der Hand nehmen lässt, sehr autonom über ihren Auftritt und ihre Musik bestimmt, so unkonventionell sie sowohl vom Klang als auch von der Performance her sein mag.

Mir gefällt’s.

Camille im englischen Selbst-Interview & Teil zwei

Ebenfalls sehr begeisterte Besprechung des Konzertes im Postbahnhof in der Berliner Zeitung.

3 Antworten zu “Music Hole – Löcher in Kixkas Erinnerung: Camille im Konzert

  1. Ich bin sonst eher CD-Verweigerer, aber „Le Sac des Filles“ hatte es mir angetan. Wobei die ja eher wieder ganz anders als ihre aktuellen ‚Werke‘ ist. Music Hole werde ich mir aber noch einmal genau ansehen.. und vielleicht auch anhören :-)

  2. Mir gefällt Camille auch!
    Ich höre ihre CD´s (Le Fil, LeSac des filles, The hole) zur Zeit rauf und runter. Reine Energie. Wäre gern in der Fabrik dabeigewesen. Danke für die Reportage :-) !

  3. Ganz hinreißender Bericht! Danke dafür!

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