Die Wrestling-Chipz-Kids: Auf den Spuren eines Phänomens
Mai 14, 2008 by Kixka NebraskaAls meine Söhne anfingen, freiwillig ganz früh aufzustehen, um noch vor Schulbeginn im Kiosk Wrestling-Chipz kaufen zu können, wurde ich hellhörig. Das metallische Klackern im Kinderzimmer habe ich zuerst gar nicht einordnen können. Den phänomenalen Reiz der glitzernd-bunten Taler habe ich zu Beginn ebenfalls unterschätzt. Doch spätestens jetzt fragte ich mich:
Wrestling …-? Was ?
Wrestling Chipz, bunte Poker-Chips, etwas größer als ein Zwei-Eurostück, bedruckt mit freundlichen Herren, vorrangig jugendlichere Ausgaben im Kampf-Look eines Hulk Hogan, prangen auf den begehrten Sammel-Münzen. Einige Damen gibt’s auch, diese Chips sind dann Lila.
Plötzlich sah ich die Chipz-Kids überall:
Morgens, stolz die prall gefüllten Chipz-Sammel-Säckchen zur Schule transportierend; in jeder Schulpause und Nachmittags auf Spielplätzen genauso wie auf Kinderflohmärkten, läuft ein intensives Ritual ab: Es suchen und finden sich immer neue Gruppen und Grüppchen, die hochkonzentriert und engagiert die Chips tauschen oder mit ihnen spielen. Vor Beginn eines Spiels werden abschätzende Blicke auf den Chipz-Bestand des Gegners geworfen: Gibt es da was zu holen ?
Vier Stück gibt’s in einem Tütchen für 1.50 €. Beigelegt findet sich eine kurze Anleitung für eines von sieben Spielen mit so klangvollen Namen wie Grabz, Throwz, Topperz, Moverz, Slammerz, Spinz oder Wallz. Außerdem eine Übersicht der 90 verschiedenen Chipz, die gesammelt werden könnten. Da kommen hübsche Summen zusammen, Grundkenntnisse im Pokern können da nicht ganz verkehrt sein, meint der Sammelpokerchip-Hersteller Toppschipz wohl.
Zum Auftakt wird in einem Affentempo Sching, Schang, Schong gespielt, um denjenigen zu bestimmen, der die Runde eröffnen darf.
Anschließend werden die Chips über den Boden geditschert.
Nach vier, fünf kurzen Runden löst die Gruppe sich auf,
die Kinder suchen sich neue Mitspieler.
Im Restaurant sehe ich Mittags Mütter mit Söhnen, die sich mit den metallischen Münzen beschäftigen; alleine gegen die Wand ditschern geht auch: Wurftraining. So habe ich das auch schon vor einem Supermarkt gesehen.
Abends, beim Blick vom Balkon einer Freundin auf den fast ausgestorbenen Spielplatz: Drei Jungs, vielleicht zehn, elf Jahre alt, die ebenfalls Sching, Schang, Schong in der fast forward Version miteinander spielen und dann die Chips werfen. Das Ganze mindestens eine halbe Stunde lang.
Die gute Nachricht zuerst:
Die Kinder spielen wieder! Und das ganz ohne digitalen Geräteapparat.
Die Schlechte:
Der Suchtfaktor scheint nach ersten Beobachtungen ähnlich hoch wie bei den Panini Sammelbildchen zu sein. An einigen Schulen wurden die Wrestling-Chipz bereits verboten. Es geht sicher nicht um Nachwuchs-Rekrutierung für den Wrestlingverband - aber vielleicht darum, die Kinder frühzeitig Spielhallen-tauglich zu konditionieren ?
Sämtliche typischen Kinderfallen wie Pokémon und Yu Gi Oh Sammelkarten bisher halbwegs erfolgreich umschifft habend, stehe ich erstmals vor einem Phänomen, bei dem ich nicht eindeutig sagen kann: So ein Tinnef kommt für meine Kinder nicht in Frage.
Einerseits beobachtete ich die Zwanghaftigkeit, mit der die beiden sich in der ersten Phase ihre Chips von ihrem Taschengeld besorgen „mussten“ und wie verzweifelt sie waren, wenn diese entweder schon ausverkauft waren (sehr häufig) oder die Kiosk-Besitzer davon noch nie etwas gehört hatten und auch keine Idee hatten, wo sie die Chips bestellen könnten. Allerdings ließ das nach einem gewissen Grundstock (ca. 15 bis 20 Chips) auch wieder nach.
Auf der anderen Seite erlebe ich:
Mit den Chips wird richtig gespielt.
Lange, ausdauernd, konzentriert.
Einzeln, zu zweit, in Gruppen.
Es werden Wurftechniken trainiert, es geht um Geschwindigkeit, es muss sogar Kopfrechnen geübt werden, weil die verschiedenen Chips-Farben und Wrestlern verschiedenen Powerstufen zugeordnet sind, die entsprechend unterschiedlich wertvoll im Tauschhandel sind. Clevere, technisch gewiefte Kinder können so ihre Sammlung auch ohne weitere Zukäufe erfolgreich erweitern.
Wie konnte das passieren ?
Ein Rätsel ist mir nach wie vor, wie aus dem Nichts so ein Kindertrend plötzlich entsteht. Meines Wissens gibt es keine Kindersendung zum Thema Wrestling.
Rey Mysterio ? John Cena ? Undertaker ?
Für mich als so gut wie gar nicht Passiv-Sport-Interessierte, waren das bisher keine bekannten Größen. Doch dem Medienunternehmen World Wrestling Entertainment ist da ein ziemlicher Promotion-Coup gelungen.







